VORWORT

Liebe Freunde

Im Jahre 2010 erschüttert der Fall Wolfgang Beltracchi die Kunstwelt. Gemälde berühmter Meister von Léger, Braque, Pechstein, Ernst, ausgestellt von der Albertina bis auf den Titelseiten der Auktionshäuser Christie’s und Sotheby's zu sehen, stellen sich allesamt als Fälschungen heraus.
Ein Betrug, der über 40 Jahre unentdeckt blieb. Experten, gestern noch zu Tränen erschüttert von der gewaltigen Macht der Bilder, heute bloßgestellt.
Bis zu 300 Gemälden befinden sich angeblich noch in staatlichen Museen, an wie vielen sind wir in Bewunderung schon staunend vorbei gelaufen?

Als ich bekanntgab, dass ich für die Aufnahme der Bach Gambensonaten mit Jonathan Cohen am Cembalo auf einem Violoncello mit Stahlsaiten spielte, war die erste Kritik vernichtend: Historisch inkorrekt und aufgrund der falschen Instrumenten- und Saitenwahl ein von vornherein klanglich gescheitertes Experiment.
Eine Woche später wurde beim „Blindtest" im französischen Radio die Aufnahme im Vergleich mit 5 weiteren Einspielungen (alle auf der Viola da Gamba) von mehreren „Experten" zum König gekürt. Von einer Stradivari Meistergambe war die Rede, klanglich vollkommen und allen anderen Instrumenten in diesem Vergleich überlegen. Niemandem war aufgefallen, dass es sich um ein Violoncello handelte, von Stahlsaiten ganz zu schweigen.

Die Manipulation der Wahrnehmung ist allgegenwärtig. Sie beginnt am Basar, treibt ihr Spiel in Presse und Politik und findet enthusiastische Anhänger in der Kunst.
Wie oft begegnet man auf Meisterkursen folgendem Phänomen: das Wort des Meisters liegt auf der Goldwaage, ein gefordertes „dolcissimo“ findet verständnisvolles Kopfnicken, der Vortragende bleibt ein hoffnungsvolles Talent, wenn auch noch nicht ganz ausgereift. Der Zuhörer verlässt den Saal mit dem Gewissen ein besseres Verständnis des Werkes bekommen zu haben, auch wenn er beim nächsten Meister, welcher morgen Gegenteiliges sagt, wieder begeisternd nicken wird.

Als eine Plattenfirma mir vor vielen Jahren bei einem ersten Gespräch einen Vertrag anbot, war auch gleich der Echo-Klassik-Preis in dem Paket enthalten, für eine fiktive Aufnahme. Bis der Preis dieses Jahr abgesetzt wurde, fand er viele Anhänger bei Künstlern als auch Veranstaltern, welche sich Karrieren und höhere Verkaufszahlen erhofften.

Wie frei sind wir? Können wir uns vom „wehrlosen Hören“ lösen?

Der Glaube, das Zeitalter der Aufklärung läge in der Vergangenheit ist eine Illusion. Wir müssen jeden Tag von vorne beginnen.

Herzlichst, Ihr Nicolas Altstaedt