Abschied von Josef Herowitsch
Zum Tode von Josef Herowitsch – Ein erstes Erinnern in Anbetracht des Unvermeidlichen
Ein Nachruf von Peter Cossé
 
Wir alle wussten es: die Tage, die Wochen, die Monate, vielleicht gar das eine oder andere Jahr – sie waren gezählt. Und doch kommt es dann unerwartet!  Ein Telefonanruf wie ein Dutzend andere im Alltag des Wünschens, Beginnens und Erledigen. Und nach einem kreuzweisen „Wie geht’s?“ ganz unvermittelt die Nachricht vom Tode eines Freundes. Eines Wegbegleiters, eines Ansprechpartners und Helfers auch in schwierigen Lebenslagen und eines an Kenntnis reichen Mannes in allen Fragen spiritueller, musischer und lebenspraktischer Geselligkeit. Josef – „der Pfarrer“, als der er bis hin zum Monsignore in Ehr‘ und Würden stand und wirkte –, Josef also war, wie mir früher schien und wie es mir jetzt zur Gewissheit wurde, im schönsten Sinne des Wortes ein begnadeter Anfänger. Einer, der sich im Geistlichen wie im Weltlichen – und da vor allem in den Sphären der Künste –begeistert umschaute, die Gelegenheiten sozusagen beim Schopfe fasste und sich durch die Lande weit über die Bundesländergrenzen hinaus in Bewegung hielt. Ein Anfänger, ein Ermöglicher und – wie sollte auch anders etwas zustande kommen – ein Durchsetzer des Geplanten und Erhofften, zum guten Ende auch ein starker, kämpferischer Verteidiger des Erreichten.
Sein Erträumtes, sein Erwünschtes und dann im engen Schulterschluss mit Gidon Kremer auch Geplantes und gleichsam in das burgenländische Erdreich Eingepflanztes war das Kammermusikfest in Lockenhaus – ein unverwechselbares Gewächs in der seinerzeit schon zunehmenden Artenvielfalt internationaler Musikfestivals. Ein munteres, von wundersamen Zufälligkeiten, von Unvorhersehbarkeiten getragenes und auf schier beglückende Weise auch im detaillierten Ablauf schlingerndes Unternehmen, das den Teilnehmern wie den teilnehmenden Besuchern mehr als nur eine Ahnung vermittelte, was Zusammensein und „konzentrierte“ Aktion im Zeichen von Bildung und Unterhaltung für den Musizierenden, für den engagiert Hörenden, ja für eine ganze Gemeinde mit all ihren Persönlichkeiten und deren unterschiedlichen Auffassungen bedeuten kann. Josef Herowitsch steuerte das noch in Bau befindliche, gleichwohl schon schmucke Schifflein „Kammermusikfest“ sozusagen als Pastor mit ästhetischem Kapitänspatent. Gelegentlich auch als Wundertäter, denn nicht anders war es zu erklären, wenn sich organisatorische Knoten wie von selbst lösten, wenn angeschlagene Musikantenseelen geheilt auf dem Podium erschienen. Und überhaupt: von wunderlicher Kraft zeugte es doch, daß dieses mutige Projekt im seinerzeit empfindlich abgelegenen Grenzland so prompt an Lebensfähigkeit gewann und bis zum heutigen Tag mit seiner Strahlkraft reiches Echo findet.
Wer die Musik liebt, der liebt auch die Menschen. Wer die Musik liebt und sie auch „kann“, der muß auch lenken, leiten, im friedfertigen Ernstfall auch dirigieren können. Josef begnügte sich nicht damit, einen Ort der akustischen, geistigen, geistlichen und emotionalen Bereicherung zur Verfügung zu stellen. Vielmehr lud er sich tatsächlich seine Gäste ein. Ein fast durchgehend geöffnetes Pfarrhaus, ein Pfarrhausgarten mit Tischen und Bänken, an allen Ecken und Enden der von Arbeit und Ausgelassenheit erfüllten Räumlichkeiten ein Teller mit Keksen und anderweitig privat gezaubertem Gebäck. In den sonntäglichen Konzertpausen die großzügige Speisung einer Gemeinde, die sich von nun an auch mit Musik gesegnet fühlen durfte. Aber Josef Herowitsch konnte auch mit heiligem Ernst, wenn nicht gar barsch all seinen Schutzbefohlenen  gewissermaßen die Leviten lesen. Ungehöriges Benehmen – etwa die Raucher wissen, wovon die Rede ist – veranlaßte ihn, mit priesterlicher Wachsamkeit nicht nur nach dem Rechten zu sehen, sondern seine Schäfchen auch einmal zur Ordnung zu rufen. Unvergeßlich sein Erscheinen , wenn sich im unteren Burghof kurz vor Konzertbeginn noch weite Teile des Publikums aufhielten, sich vielleicht noch um ihre vorbestellte Karte kümmerten, ihre Rechnung für ein gutes „Wiener“ noch nicht bezahlt hatten oder ganz einfach mit Freunden und Bekannten plauderten. Wenn also Solches oder Ähnliches geschah, dann trippelte Josef Herowitsch auf nervösen Füßen durch den Torbogen und mahnte, nein: er trieb zur Eile, den Einen oder die Andere auch höflich schubsend, sein Anliegen Hände klatschend rhythmisierend: „Wir müssen anfangen, sonst wird‘s zu spät!“. Es könnte ein Leitmotiv eines in vollen Zügen, aber auch in vollen Sälen von Lockenhaus bis Bayreuth und Salzburg gelebten und jetzt unwiderruflich in Gottes Hand gelegten Daseins gewesen sein.
Peter Cossé
 
 
 
Gedanken von Gidon Kremer
 
Josef Herowitsch war (und diese Tatsache kann man nur mit großer Trauer wahrnehmen) ein außergewöhnlicher Mensch.
Sein Beruf verlangte es zweifellos vor allem seine Gemeinde zu hüten, ihr vollkommen zu Verfügung zu stehen, seine "Kinder" zu betreuen.
Und doch kannte ich ihn als "weltlichen" Menschen noch von einer anderen Seite.
Sein Gott war auch die Sonne und... die Musik. Ich hatte das Glück 30 Jahre lang die Verantwortung für das Kammermusikfest Lockenhaus und das Wohlbefinden von hunderten von Gästen mit ihm zu teilen.
Josef hatte ein großes Herz und dies beschenkte - und lehrte zugleich - Jedermann.
Es tut sehr weh zu wissen, daß er gegangen ist, seine Sache und seine Liebe leben aber weiter in jedem von uns.
Auch in mir, der das Glück hatte nahezu die Hälfte seines Lebens mit ihm zu wirken und seine Großzügigkeit zu genießen.
Ohne Josef wäre nie eine "Oase Lockenhaus" entstanden - ein Segen für alle Künstler und Gäste, die diese erleben konnten.
Der Grundstein der "Oase" wurde von ihm und seiner Gemeinde gelegt, aber es erfüllt mich mit Stolz und Freude zu wissen, daß die der Musik verpflichteten Lockenhauser und die neue Leitung des Festes unter Nicolas Altstaedt und sein Team vorhaben, das Fest weiter zu tragen. Ich wünsche ihnen allen Gelingen.
Ich hoffe das großartige jährliche Ereignis wird weiterleben um noch viele daran teilhaben zu lassen.
Josef würde sich sicher darüber nur freuen können.
Soll sein Geist auch weiter die "Schirmherrschaft" über all dem behalten, was noch kommen wird.
 
In tiefster Trauer
Euer Gidon Kremer
 
 
Newsletter